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Geschichten aus dem Unterricht

Jetzt bin ich schon zwei Monate auf Galapagos. Die Zeit
vergeht rasendschnell aber schon nach zwei Monaten kann ich sagen, dass ich
mich hier total wohl fühle und dass es auf jeden Fall die richtige Entscheidung
war, meinen Freiwilligendienst für 10 Monate auf Galapagos anzutreten.

Mittlerweile verlaufen die Wochen immer relativ ähnlich. Es
hat sich alles schon zu einem Alltag entwickelt und ich habe mich richtig
eingelebt.
In unserem Haus wohnen wir nun zu dritt. Nachdem ich nach Lenas
Abreise erst einmal für eine Woche alleine war, kam erst Joshua, und eine Woche
später Jonathan auf den Inseln an.
Wir kannten uns schon von dem
Vorbereitungsseminar im Mai und haben uns damals schon gut verstanden.
Deswegen
freue ich mich auf die gemeinsame Zeit mit ihnen und bin froh, nicht mehr
alleine zu wohnen.
Denn auch wenn ich nur eine Woche alleine in unserem großen
Haus gelebt habe, ist es viel schöner, Gesellschaft zu haben.


Auch das Unterrichten hat seine Routine gefunden. 11 Schüler
kommen jede Woche jeweils zweimal zum Unterricht.
Meine Gitarrenschüler habe
ich an Jonathan, den neuen Gitarrenlehrer, abgegeben.
Somit habe ich außer
einer Pianoschülerin nur noch Geigenschüler.


Nicht bei allen Schülern habe ich die gleiche Methode zum
Unterrichten gewählt, sondern immer verschiedene.
Somit konnte ich nach einiger
Zeit herausfinden, was ein guter Weg zum Lernen und Lehren ist.
Mittlerweile
hat sich eine Art Mittelweg aus allen herauskristallisiert, den ich dann bei
neuen Schülern anwenden kann.
Beim Unterrichten merke ich erst einmal, wie viel ich selbst
in meinen 13 Jahren Geigenunterricht gelernt habe und erkenne mich häufig in
den Schülern wieder, wenn sie die gleichen Fehler machen, die es für mich
damals auch zu korrigieren galtt.


Keine Unterrichtsstunde ist mit einer anderen vergleichbar.
Auf jeden Schüler stelle ich mich jedes Mal aufs Neue individuell ein, da alle
Schüler verschieden sind – aus persönlicher sowie aus musikalischer Hinsicht.
Mit
einigen Schülern kann ich schon an fortgeschrittenen Stücken arbeiten, da sie
schon viele Techniken beherrschen.
Mit anderen, die erst bei mir angefangen
haben, Geige zu spielen, muss ich selbstverständlich erst einmal die Grundlagen
schaffen, wozu unter anderem viel Theorie, wie zum Beispiel das Lesen von
Noten, gehört.


Musik ist hier nämlich kein verpflichtendes Schulfach und
wird deswegen nur bedingt an Schulen angeboten.
Das ist unter anderem der Grund
dafür, dass die meisten Kinder kaum musikalischen Hintergrund haben.
Aber auch
im Alltag spielt die Musik hier im Gegensatz zum Festland eher eine kleine
Rolle, was daran liegt, dass die Insulaner einfach keinen oder nur wenig Zugang
zur Musik haben.


Die folgende Geschichte spiegelt dies ganz gut wider:

Debora, eine elfjährige Schülerin, die erst bei mir
angefangen hat, besitzt schon länger eine Geige, weil sie schon immer Geige
lernen wollte.
Deswegen war sie sehr begeistert, als sie erfuhr, dass
Geigenunterricht auf der Insel angeboten wird.
Das Problem war, Debora ist
Linkshänderin.
Da dachte sie sich, sie spanne die Saiten einfach anders herum,
greift also mit der rechten und hält den Bogen mit der linken Hand, was
natürlich überhaupt nicht möglich ist.
So erzählte sie es mir in der ersten
Stunde, als wäre es eine gute Idee, und ich war erst einmal völlig geschockt,
als ich die falsch herum gespannten Saiten sah aber gleichzeitig auch
überrascht über die Kreativität, die aus fehlender Bildung heraus entsteht.



Neben meinen 11 Geigenschülern habe ich auch eine
Pianoschülerin.
Floreana ist 22 Jahre alt und Autistin. Floreana hat die
außerordentliche Begabung, jedem beliebigen Datum den Wochentag zuzuordnen.
So
wusste sie sofort, als ich ihr mein Geburtsdatum nannte, dass ich an einem
Sonntag geboren bin – unglaublich!

In meiner ersten Unterrichtsstunde mit ihr, war ich erst
einmal überfordert, da ich überhaupt nicht wusste, wie ich mit ihr arbeiten
kann und worauf ich achten muss, da ich vorher noch nie Kontakt zu einer
autistischen Person hatte.
Mit Noten kann ich mit ihr nicht arbeiten, also versuchte
ich es mit Symbolen, was sich als eine super Methode erwies.
So haben wir
zusammen ein Lied aus einer Folge aus sechs Akkorden erarbeitet, das sie am
Ende sogar auswendig spielen konnte.
Die Stunden mit ihr sind zwei meiner
Höhepunkte der Woche, da es immer riesigen Spaß macht, mit ihr Klavier zu
spielen.
Sie lernt sehr langsam, aber trotzdem ist in jeder Stunde ein
Fortschritt erkennbar.


Es ist schön zu sehen, wenn die Kinder Spaß an der Musik
haben und nicht nur ein Instrument lernen, weil es der Wunsch der Eltern ist.

Mich selbst macht es glücklich, wenn Kinder und auch die Eltern erzählen, dass
sie gerne zum Unterricht kommen und auch zuhause gerne für den Unterricht üben.


Außerdem ist es toll, dass ich die Musik, die mich schon
mein ganzes Leben begleitet, Kindern auf der ganz anderen Seite der Erde näher
bringen kann.



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